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Ein Projekt, das Spuren hinterlässt

Kleine Leser werden ganz gross, wenn ab 7. April die Zeitung zu ihrem Schulalltag gehört.
Von Bettina Frick und Desiree Franke-Vogt
«Ich wundere mich, dass jeden Tag in der Welt genau so viel passiert, wie in die Zeitung passt», sagt ein Primarschüler. Diese Aussage zeigt klar auf, mit welchen Augen Kinder die Welt oft sehen. Der kleine Junge, der seine Verwunderung über die Weltgeschehnisse und die Zeitungen ausgesprochen hat, konnte viele Fragen, die sich ihm stellten, bereits wenige Wochen später selbst beantworten. Denn er hat am Projekt «ZISCH» teilgenommen. Ein Projekt, das ihn an die Zeitung, das Lesen und die Welt im Allgemeinen herangeführt hat.
Nach dem Ende des dreimonatigen Projektes darf er wohl als kleiner Experte bezeichnet werden, dem heute niemand mehr so schnell was vorzumachen braucht. Er kann Texte selektionieren, sie auswerten und weiss nun, dass dies auch die Zeitungen tun müssen. Er hat viel dazugelernt.
Freude und Interesse wecken
Es nennt sich kurz und knapp «ZISCH», das Projekt, das in Deutschland und der Schweiz seit 1992 Lehrer, Schüler und Eltern gleichermassen zu begeistern vermag. «ZISCH» bedeutet nichts anderes als «Zeitung in der Schule» und ist ein medienkundliches Projekt, das ab dem 7. April bis zum 27. Juni zum ersten Mal auch an Liechtensteiner und Rheintaler Primarschulen durchgeführt wird.
Täglich, wird den Kindern die Zeitung in die Schule geliefert - am Samstag sogar nach Hause. Ziel ist es, den Kindern Freude und Interesse an der Lektüre der Tageszeitung zu vermitteln und das Leseverständnis zu verbessern. Positiver Nebeneffekt: Die Kinder verbessern ihre Allgemeinbildung, entdecken unter Umständen völlig neue Talente und eignen sich sozusagen Expertenwissen an, das «grösser macht».
Eigener Langzeitauftrag
Das Projekt gründet auf drei Säulen. Die Zeitung wird zum Ersten nicht nur gezielt in den verschiedensten Fächern eingesetzt und auf die üblichen Schulbücher verzichtet, sondern die Kinder erarbeiten zum Zweiten auch ihre eigenen Langzeitprojekte. Sie suchen sich je nach Interesse ein Thema aus - nicht selten sind es Tiere, das Wetter oder Polizeiberichte - und arbeiten täglich die Zeitungen danach durch. Was, wie oft und in welchem Umfang wird darüber berichtet? So stellen sie ihren Projektordner zusammen und es entstehen richtige kleine wissenschaftliche und zum Teil hochinteressante Arbeiten, die auch viel über die Zeitung und die Medienarbeit im Allgemeinen offenbaren. Weiters werden die Kinder zudem als «Reporter» unterwegs sein und in der gewünschten Zeitung einen interessanten Text veröffentlichen. Die Themen werden gemeinsam mit den jeweiligen Zeitungs reda ktionen koordiniert.
Lehrer tauschen sich aus
Für die Lehrerinnen und Lehrer ist das «Zisch»-Projekt Neuland. Aber: Es leistet nicht nur einen Beitrag zur Leseförderung, sondern öffnet neue Horizonte, wie sich die Lehrer und Zeitungs reda ktionen schnell überzeugen konnten. Anlässlich eines Workshops vom vergangenen Samstag in den Räumlichkeiten der Verwaltungs- und Privat-Bank AG in Vaduz wurde das Projekt vom «IZOP»-Institut aus Deutschland detailliert vorgestellt. Dieses Institut unterstützt die am Projekt teilnehmenden Lehrer mit Unterrichtshilfen, Anregungen und Vorschlägen und konnte auch über die positiv gemachten Erfahrungen berichten. Den Pädagogen selbst bot sich am Samstag auch die erste Möglichkeit, sich im Austausch mit Kollegen Gedanken über die Einsatzmöglichkeiten der Zeitung im Unterricht zu machen. In Gruppen aufgeteilt, nahmen sie in der Zeitung verschiedene Bereiche wie Politik, Wirtschaft,Kultur, Sport sowie Anzeigen unter die Lupe. Gemeinsam trugen sie die Ideen zusammen: Im Wirtschaftsteil können zum Beispiel die hohen Zahlen im Mathe-Unterricht zum Thema gemacht werden während im Kulturteil Märchen und Theater jede Menge Lesestoff hergeben, der im Deutschunterricht bearbeitet werden kann. Was gibt es überhaupt für Sportarten? Welche Persönlichkeiten stecken dahinter? Und was für Rekorde wurden aufgestellt? Alles Fragen, auf welche der Sportteil Antwort gibt. Und wieso soll im Bastelunterricht nicht einmal von den Kindern eine Anzeige entworfen und gestaltet werden? Jede Menge Vorschläge und Ideen, welche die Lehrer und Lehrerinnen überzeugten, die drei Projektmonate bunt und vor allem sinnvoll gestalten zu können.
Schule wird zum Erlebnis
Das Projekt öffnet nicht nur die Horizonte der Kinder. Auch die Lehrer und die Zeitungs reda ktionen profitieren davon, wenn Kinder die Themen aus aller Welt mit ihren Augen betrachten und sich damit auseinandersetzen. Der Unterricht wird lebendiger, Schule wird zum Erlebnis, Lernstoff macht Spass und die Ergebnisse der Arbeiten zeigen auf, was hier oder dort verbessert werden könnte. «Wir haben die Kinder zu Beginn total unterschätzt - denn sie haben tolle Beiträge geliefert», bestätigt Winfried Spiegel vom «IZOPP»-Institut. Denn Kinder dürfen Fragen stellen, die Erwachsene sich nicht getrauen, stossen auf erstaunliche Offenheit und gelangen so oft zu überraschenden Erkenntnissen. «Das Projekt hinterlässt vor allem bei den Kindern definitiv Spuren. Die Schüler werden nicht nur langfristig im Leseverhalten beeinflusst, sondern es werden neue Interessen geweckt und Talente zutage gefördert, die bis anhin verborgen geblieben sind», weiss Spiegel aus langjähriger Erfahrung.
Die Welt wird grösser
«Die Schulbücher sind schnell veraltet, die Zeitung aber ist jedenTag ganz neu», erklärt ein Schüler in einem Film, warum er in der Schule so gerne mit der Zeitung arbeitet. Im Kreis lesen die Kinder Geschichten und erzählen sie hinterher einander mit eigenen Worten. Sie schneiden Bilder aus, schauen sich Titel genau an, schlagen Fremdwörter nach, die sie in der Zeitung finden, und lernen dabei, die Zeitung zu lesen. Sie lesen über den Krieg in Irak, über eine Modeschau in Mailand, über ein Formel 1-Rennen in Brasilien - die Welt der Kinder wird grösser, ihr Horizont sowie die Lesekompetenz erweitert sich. Und sie haben Spass dabei: Am Morgen wird auf dem Schulhof nicht mehr getrödelt. Stattdessen beeilt sich jedes Kind ins Klassenzimmer, um sich schnell die neueste Zeitungsausgabe zu schnappen. Dann verschwinden ihre Köpfe hinter den grossen Doppelseiten und zeigen sich auch dann noch nicht, wenn die Lehrerin das Schulzimmer betritt. Dementsprechend lassen sich die Kleinen mit den grossen Blättern auch nicht gerne davon überzeugen, ihre Schulbücher hervorzuholen. «Die Zeitung ist viel interessanter, weil darin alle Geschichten wahr sind. Die in den Büchern sind nur erfunden», argumentiert ein Mädchen.
Die Aussagen der Kinder zeigen, dass es sicher angebracht ist, wenn man sie nicht unterschätzt. Die Kleinen mit den grossen Blättern werden schnell zu Grossen mit kleinen Blättern - wenn man sie nur lässt.
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